Der Hund, der eine Grube gräbt, Auszug aus Kapitel 2

 

Am nächsten Morgen verabschiedete Katja ihre Tochter mit einem Kuss in die Schule, den Lena heute ohne Widerspruch über sich ergehen ließ. Die Tür fiel unten ins Schloss, im gleichen Augenblick begann das Telefon zu klingeln. Nicht das Handy, auf das während der Nachtstunden die Praxisnummer umgeleitet wurde, sondern Katjas privater Anschluss.
Sie sah aufs Display, bevor sie abnahm, und war irgendwie nicht überrascht, Angelas Nummer zu sehen. Hoffentlich bedeutete das nicht, dass Paul …
»Hallo Angela? Was gibt’s?«, meldete sie sich.
»Katja, kannst du bitte schnell kommen?« Angelas Stimme war nur ein Flüstern. »Da ist etwas im Garten …«
»Im Garten? Ich dachte, Paul …«
»Nein, Paul geht es gut. Der darf morgen schon nach Hause.«
Katja sah auf die Uhr. Es war kurz nach sieben, draußen wurde es gerade erst hell. »Willst du mir nicht sagen, was los ist?«
»Da draußen liegt jemand auf dem Rasen, und …«
»Was?«
»Bitte, Katja, komm schnell her, ich habe solche Angst!« Angelas Stimme zitterte.
Katja holte tief Luft. »Okay, ich bin schon unterwegs!«
 
Keine fünf Minuten später traf Katja bei Angela ein. Die Freundin stand in der Tür und wartete schon. Sie hatte eine Jacke über den Hausanzug geworfen und starrte Katja aus großen Augen an.
»Ich traue mich nicht, nachzuschauen«, flüsterte sie.
»Lass mich mal sehen.« Katja ging durchs Wohnzimmer zur Terrassentür und schob sie auf.
»Sei bloß leise, womöglich weckst du ihn!« Angelas Tonfall war panisch.
»Ich glaube nicht …« Katja verstummte. Auf dem Rasen, genau da, wo sie gestern die geheimnisvolle Grube entdeckt hatten, lag ein Mensch. Ein Mann genauer gesagt, in abgetragenen Jeans und einer speckigen Lederjacke. Sie ging auf Zehenspitzen näher und hielt unwillkürlich den Atem an, doch die Vorsicht war unbegründet. Dieser Mann würde nie wieder aufwachen.
Die Grube war seit gestern größer geworden, und der Mann lag bäuchlings darin wie in seinem eigenen Grab. Die Haare glitzerten feucht und dunkel vom Morgentau, das Gesicht war zur Seite gewandt. Das wenige, was man davon erkennen konnte, war eine einzige blutige Masse, aus der sich schneeweiß die Nase abhob. Neben ihm lag ein Spaten im Gras, das metallene Blatt schwarzbraun verschmiert von getrocknetem Blut und frischer Erde.
Katja hielt den Atem an und zog sich Schritt für Schritt zur Terrasse zurück. Angela stand in der Tür und hielt die Fäuste an den Mund gepresst. »Ist er tot?«, hauchte sie.
»Ja.« Katja nahm die Freundin an den Schultern. »Hast du denn gar nichts gehört?«, fragte sie. »Ist dir heute Nacht nicht irgendetwas aufgefallen?«
Angela schüttelte den Kopf. »Nein, nichts, gar nichts!«
»Kennst du ihn? Hast du ihn schon einmal gesehen?«
»Bestimmt nicht! Wie kommst du darauf?« Ihre Augen füllten sich mit Tränen, und sie begann hemmungslos zu schluchzen.
»Immerhin ist er in deinem Garten erschlagen worden«, erwiderte Katja lakonisch und zog das Handy aus der Tasche. »Ich rufe jetzt die Polizei.«
 
Es dauerte nicht lange, bis vor dem Haus ein Streifenwagen hielt. Katja hatte Kaffee gekocht und Angela eine Tasse in die Hand gedrückt. Ihre Freundin befand sich in einer Art Schockstarre, sie saß im Wohnzimmer und weigerte sich, auch nur aus dem Fenster zu sehen.
Katja öffnete den Polizisten die Tür. Sie waren in Uniform, den Größeren der beiden kannte sie flüchtig. Er wohnte ein paar Häuser weiter und war schon einmal mit seinem Schäferhund bei ihr in der Praxis gewesen. Der Hund hieß Pitter, an den Namen des Mannes erinnerte sie sich nicht mehr, doch sie konnte ihn von seinem Namensschild ablesen.
»Hallo Herr Blum«, sagte sie, als er ihr grüßend zunickte.
Sein Kollege stellte sich vor. »Müller, Wache Ratingen«, bellte er und hielt ihr einen Dienstausweis unter die Nase. »Sind Sie Frau Brömer?«
»Nein, ich bin Frau Dr. Maus«, erklärte sie; gleichzeitig schüttelte Herr Blum den Kopf. »Ich bin eine Freundin von Frau Brömer. Sie hat mich angerufen, als sie den Mann im Garten sah.« Sie machte eine Handbewegung nach drinnen. »Ich habe Sie verständigt.«
Katja trat aus dem Haus, ging voran und geleitete die beiden Beamten zum Gartentor. »Da ist er«, sagte sie überflüssigerweise und deutete auf den Toten.
Müller zog die Luft durch die Zähne und beugte sich über den Zaun.
»Haben Sie etwas angefasst?«, schnauzte er Katja an. Ihre Fußspuren im feuchten Gras waren deutlich zu sehen.
»Nein, natürlich nicht«, schnappte sie zurück. »Als ich sah, dass er tot ist, habe ich sofort die 110 angerufen.«
»Schon gut, Sie haben alles richtig gemacht.« Blums Stimme klang versöhnlich. Er war eindeutig der Freundlichere von den beiden. In der Uniform wirkte er größer, als sie ihn in Erinnerung hatte.
Sie wollte ihn schon fragen, wo er seinen Hund gelassen hatte, doch sein Kollege fuhr dazwischen. »Gehen Sie bitte wieder ins Haus«, wies er sie an. »Wir können hier niemanden gebrauchen, der die Spurenlage durcheinanderbringt.«
Katja hob die Schultern, und Blum zwinkerte ihr zu. »Der Kollege ist vor dem ersten Kaffee immer ein wenig ungenießbar«, sagte er leise. »Er meint es nicht so.« Sie lächelte schwach, dann wandte sie sich ab und ging zurück zur Haustür. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie Müller telefonierte.
 
Katja war gerade dabei, sich eine weitere Tasse Kaffee einzugießen, als draußen noch ein Streifenwagen mit Blaulicht vorfuhr. Sie sah durchs Fenster, wie Müller winkte, und zwei uniformierte Beamte gesellten sich zu ihm, ohne das Blaulicht abzustellen. Das zuckende Licht blieb nicht lange unbemerkt, und Katja beobachtete, wie die Nachbarn der Reihe nach aus ihren Häusern kamen. Die alte Frau Jorgens hatte den besten Platz; sie stand am offenen Küchenfenster, von wo aus sie alles ganz genau beobachten konnte.
Die Polizisten hatten rund um die Leiche ein großzügiges Viereck bis zur Terrasse abgesteckt und mit Flatterband markiert. Müller hing noch immer am Telefon. Oder schon wieder, Katja wusste es nicht. Ein blau-silberner Kleinbus bog in den Wendehammer ein und kam neben dem Wagen mit dem Blaulicht zu stehen. Sie hörte Türen schlagen, ein Martinshorn jaulte kurz auf und verstummte gleich wieder.
Katja wandte sich ab und ging zu Angela hinüber, die noch immer wie betäubt in ihrem Sessel saß.
»Möchtest du noch Kaffee?«, fragte sie.
Angela schüttelte den Kopf. »Der arme Mann! Wer tut denn etwas so Schreckliches?«
Darauf wusste Katja auch keine Antwort.
Sie fuhr zusammen, als vor dem Wohnzimmerfenster eine hochgewachsene Gestalt auftauchte. Aber es war nur der Polizist, Herr Blum, der mit beiden Händen gestikulierte. Sie erhob sich und öffnete ihm die Terrassentür.
Er trat seine Stiefel an der Fußmatte ab und fragte: »Darf ich reinkommen?«
Katja schob die Schiebetür ganz auf. »Frau Brömer ist nicht vernehmungsfähig«, sagte sie. »Oder wie man das nennt.«
»Ich mache gar keine Vernehmung«, antwortete Blum und lächelte sie an. »Ich möchte nur die Personalien feststellen. Die Befragung führt später ein Kriminalkommissar durch.«
Angela in ihrer Ecke hob den Kopf und starrte den Polizisten an, als wäre er mitten in einen Albtraum geplatzt. Irgendwie stimmte das ja auch. Blum hob grüßend die Hand, und sie begann wieder zu weinen.
Rasch führte Katja Blum in die Küche, außer Sicht. »Ich denke, das meiste kann auch ich Ihnen sagen.«
»In welchem Verhältnis stehen Sie zu Frau Brömer?«, fragte er.
»Ich bin ihre Freundin. Als sie heute Morgen die Gestalt auf dem Rasen liegen sah, hat sie es mit der Angst zu tun bekommen und mich angerufen.«
»Ich verstehe.« Blum zog sich einen Stuhl heran, setzte sich an den Küchentisch und nahm einen Notizblock aus der Tasche. »Dann fangen wir mit Ihnen an, Frau Dr. Maus.«
»Meinen Namen wissen Sie ja schon«, bemerkte Katja.
»Ihr Vorname ist Katja, oder?«
»Stimmt.«
»Katja Maus«, wiederholte Blum und schrieb den Namen in seinen Block. »Ich heiße übrigens Cornelius. Cornelius Blum.«
Katja zog die Augenbrauen hoch.
»Entschuldigen Sie bitte, lassen Sie uns fortfahren.« Blum sah zerknirscht drein, aber seiner Stimme hörte man es nicht an. »Ihre Adresse bitte?« »Kopernikusring 25.«
»Da ist doch Ihre Praxis, oder nicht?«
»Ja. Wir wohnen im Obergeschoss.«
»Wir?«
Eigentlich ging ihn das nichts an, aber Katja antwortete trotzdem. »Meine Tochter Lena und ich.« Sollte er es ruhig wissen.
»Ach so.« Er hatte eine tiefe, sonore Stimme und klang so, als ob ihn das wirklich interessieren würde. Wahrscheinlich war das einfach seine Art, die er sich als Polizist angewöhnt hatte.
»Darf ich fragen, wann Sie Geburtstag haben?«
Katja schnappte nach Luft. Das ging nun entschieden zu weit! »Warum wollen Sie das wissen?«
Blum wurde tatsächlich rot. »Sie können mir auch einfach Ihren Personalausweis geben«, sagte er. »Dann schreibe ich alles ab.«
Katja biss sich auf die Lippe. War sie wirklich so aus der Übung mit Männern, dass sie eine einfache Befragung durch einen Polizisten schon als Annäherungsversuch deutete? Sie spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. »Nein, nein, es ist schon in Ordnung. Am 23. März bin ich zweiundvierzig geworden.« Sie nestelte ihr Portemonnaie aus der Hosentasche und zog den Personalausweis heraus. »Bitte schön.«
»Jetzt brauche ich ihn nicht mehr«, sagte Blum und grinste. Aber er nahm ihn trotzdem in die Hand und betrachtete ihn. »Schönes Foto«, stellte er fest. Katja runzelte die Stirn. Aber bevor sie etwas erwidern konnte, schob er ihn schon wieder über den Tisch. »Danke.«
Während Katja den Ausweis verstaute, machte sich Blum Notizen. Sie äugte neugierig auf seinen Block, aber sie konnte seine Schrift nicht lesen. Nur mit Mühe entzifferte sie die Zahlen ihres Geburtsdatums.
»Kommen wir zu Frau Brömer«, sagte Blum.
»Sie heißt Angela Brömer, und die Adresse hier lautet Am Pfingsberg 36. Geboren ist sie am 15. August 1969«, ratterte Katja herunter.
Blum schrieb mit.
»Ihr Mann heißt Clemens«, setzte sie hinzu. »Aber seinen Geburtstag weiß ich nicht auswendig.«
Der Polizist nickte. »Das war es auch schon.«
Katja stand auf, und Blum erhob sich ebenfalls, irgendwie widerstrebend, wie ihr schien. »Möchten Sie einen Kaffee?«, fragte sie spontan und wunderte sich über sich selbst.
Er warf einen sehnsuchtsvollen Blick zur Kaffeemaschine, doch dann schüttelte er den Kopf. »Nein, danke, ich muss wieder zu den Kollegen«, sagte er. »Aber vielleicht können wir mal zusammen einen Kaffee trinken?«
Katja schlug die Augen nieder. »Ich weiß nicht«, wehrte sie ab. »Ich habe immer so viel zu tun …«
»Ist schon in Ordnung«, stieß Blum hastig hervor. »Ich wollte mich nicht aufdrängen.«
Er wandte sich brüsk ab und war aus der Tür, bevor Katja noch etwas hinzufügen konnte. Sie lief ihm nach und blieb in der offenen Terrassentür stehen. »So habe ich das nicht gemeint«, murmelte sie, aber sie sagte es nicht laut.
Cornelius Blum stand inzwischen wieder bei seinen Kollegen. Ein gleißender Scheinwerfer erleuchtete den Tatort, und zwei Beamte in weißen Papieranzügen krochen auf allen vieren um die Leiche herum. Gelbe Plastikhütchen mit Nummern waren rund um den Schauplatz verteilt – Katja zählte fünf Stück –, und einer der Polizisten brachte ein Stativ mit einer Kamera in Stellung.
Im Wendehammer standen inzwischen zwei weitere Fahrzeuge, und ein Nachbar diskutierte mit einem der Uniformierten. Offenbar versperrten ihm die Autos die Ausfahrt aus seiner Garage.
Katja hob die Hand und winkte, ein Beamter in Zivil kam auf sie zu. »Sind Sie Frau Brömer?«, fragte er. Er war hager und hatte etwas zu langes Haar. »Nein, ich bin Katja Maus, eine Freundin von Frau Brömer. Und wer sind Sie?«
»Friedemann, Kripo Düsseldorf«, antwortete er und zeigte seine Dienstmarke. »Kann ich Ihnen ein paar Fragen stellen?«
»Es tut mir leid, ich muss in die Sprechstunde«, erwiderte Katja. »Sie finden Frau Brömer im Wohnzimmer, aber seien Sie nett zu ihr. Das Ganze nimmt sie ziemlich mit.«
Friedemann sah sie zweifelnd an. »Haben wir Ihre Personalien?«, fragte er.
»Herr Blum hat alle Daten. Er weiß, wo er mich findet.«
Friedemann drehte sich um. »Stimmt das, Blümchen?«
»Ja, ich habe sie hier«, antwortete Blum und klopfte auf seine linke Brusttasche.
»Na dann …« Der Kriminalpolizist wandte sich ab. »Wir melden uns bei Ihnen, wenn wir noch Fragen haben.«

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