Die Schnitzel-Jagd, Auszug aus Kapitel 6

Markus setzte den Wagen geschickt aus der Parklücke, die durch den zwischenzeitlichen Wechsel der Besucher auch etwas größer geworden war, und folgte der Laudongasse bis zur nächsten Hauptstraße. Nach etwa zwanzig Minuten bog er vor dem Eingangstor von Schloss Schönbrunn ab und fuhr die Schlossmauer entlang auf eine Kreuzung zu.
»Hier müsste es wo sein«, erklärte er. »Links ist ein Parkplatz, aber da muss man bezahlen und …« Er unterbrach sich, als auf der rechten Straßenseite eine Lücke zwischen den Fahrzeugen sichtbar wurde.
»Na bitte, geht doch«, grinste er und setzte den Mercedes rückwärts in die Parklücke.
Sie stiegen aus. Auf dem breiten Bürgersteig tummelten sich nur wenige Menschen, die zu der nahe gelegenen U-Bahn-Haltestelle eilten oder von dort kamen. Zwei große mehrarmige Straßenlaternen leuchteten den Bereich vor der Schlossmauer hell aus und ließen einzelne Nischen und Vorsprünge in tintenschwarzem Schatten verschwinden.
Molly und Markus sahen sich ratlos an.
Schönbrunn »Hast du eine Idee, was wir eigentlich suchen?«, fragte Markus.
»Nichts Genaues, nein«, antwortete Molly. »Toter Tropfen, könnte ein Dead Drop gemeint sein? Ein toter Briefkasten?«, überlegte sie laut.
»Dead Drop, ja klar!« Markus hatte offenbar eine Idee. »Es gibt einen Berliner Künstler, der vor ein paar Jahren USB-Sticks in Wände eingemauert hat, als Kunstprojekt«, erklärte er. »Diese Datenträger heißen Dead Drops. Da gibt’s eine Webseite, wo man die finden kann und auf der sie das Projekt erklären.«
»Ein USB-Stick in der Schlossmauer? Geht das überhaupt?« Molly zweifelte noch.
»Warum nicht? Mitten in der Nacht ist hier nichts los, und das Einmauern dauert ja nicht lang«, antwortete Markus. »Oder hast eine bessere Idee?«
»Nein, die Idee ist schon gut«, gab Molly ihm recht. »Ich kann mir nur nicht vorstellen, dass jemand so etwas ausgerechnet in die Mauer von Schloss Schönbrunn einsetzt. Immerhin ist das ein Weltkulturerbe, oder?«
»Na und? Es geht ja nicht kaputt davon, und ein Sakrileg ist es auch nicht.«
Molly musste über seinen Pragmatismus lachen. Sie trat an die Schlossmauer und musterte sie aufmerksam. Die von den Straßenlaternen angestrahlte Wand leuchtete in einem warmen Gelbton, unterbrochen von weißen Feldern zwischen und rund um die hohen Fenster. Vorherrschend war das sanfte bräunliche Gelb, dem dieses Schloss den Namen gegeben hatte, Schönbrunner Gelb. Die Fassade zog sich ungefähr zweihundert Meter die Straße entlang, bis die Fluchtlinie von einem Vorsprung unterbrochen wurde. Molly sah hoch zu der zweiten Fensterreihe, die sich ein Stück darüber anschloss, und bemerkte einige erleuchtete Fenster, deren Licht durch vorgezogene Vorhänge abgeschirmt wurde. Nun ging Molly zur Ecke der Mauer, beugte die Knie und lehnte den Kopf ans Mauerwerk. So konnte sie direkt die Mauer entlangblicken, in der Hoffnung, dass ihr eine Unregelmäßigkeit im Verputz ins Auge fallen würde. Und da, wo die Mauer hell beleuchtet war, wäre eine solche auch eindeutig zu erkennen gewesen, doch da befand sich nichts, was hier nicht hingehörte. Markus war näher gekommen und stießplötzlich einen leisen Pfiff aus. Molly nahm den Kopf von der Mauer und beschäftigte sich angelegentlich mit ihrem Schuh. Die Stiefelette hatte zwar keine Schnürsenkel, aber einem flüchtigen Beobachter würde das nicht auffallen. Als die Luft wieder rein war, erhob sie sich und ging zurück zu Markus.
»So ohne Weiteres ist hier nichts zu sehen«, sagte sie.
»Das wär auch zu leicht gewesen«, antwortete Markus. »Aber wir haben ja grad erst angefangen.«
Molly blickte hinüber zu den Fenstern. Nun bemerkte sie, dass auch im Erdgeschoss hinter einigen Scheiben Licht brannte.
»Was befindet sich hinter den Fenstern?«, wollte sie wissen.
»Das sind Wohnungen«, gab Markus zur Antwort.
»Wohnungen? In der Schlossmauer?« Damit hatte Molly nicht gerechnet.
»Ja, Wohnungen. Man hat sie direkt in die Schlossmauer hineingebaut. Sie sind eng und niedrig, und im Erdgeschoss ist es nicht sehr hell, weil die Wand, in der die Fenster sind, so dick ist.«
»Und wer wohnt hier?«, fragte Molly.
»Früher wohnten da nur die Angestellten vom Schloss. Aber inzwischen werden die meisten Wohnungen ganz normal vermietet. Im oberen Stockwerk gibt’s auch Firmen, die hier ihre Büros haben«, erklärte er. »Auf dieser Seite sind sie nicht mal so teuer, und eine Adresse im Schloss macht schließlich was her.«
»Das ist wahr«, antwortete Molly.
»Die genaue Anschrift hier lautet Schloss Schönbrunn, Finsterer Gang, und das klingt schon nicht mehr so schön«, erzählte Markus weiter. »Aber das sieht da drin echt so aus. Ein langer dunkler Gang mit Wohnungstüren. Von einem hochherrschaftlichen Ambiente siehst da nicht viel.«
Inzwischen lag der breite Bürgersteig wieder still und menschenleer im Licht der Straßenlaternen. Molly näherte sich erneut der Fassade, und Markus folgte ihr.
»Wenn ich hier an der Mauer etwas anbringen wollte, würde ich das nicht im Licht der Laternen machen«, flüsterte Molly. »Ich würde mir ein dunkles Plätzchen suchen, wo mich keiner beobachten kann.«
»Was ist mit dem Baum da«, schlug Markus vor und deutete auf ein kugelig geschnittenes Gehölz, das ein paar Meter weiter an der Fassade stand.
»Ja, das wäre möglich«, antwortete Molly und trat in den Schatten des Baums. Markus blieb an seinem Stamm stehen und hielt Ausschau nach späten Passanten, während Molly sich der Mauer näherte. Sie zog eine kleine Stabtaschenlampe aus der Tasche und schirmte sie mit den Fingern so ab, dass nur ein schmaler Lichtstreif sichtbar war. Damit leuchtete sie die Wand zentimeterweise ab. Plötzlich räusperte sich Markus vernehmlich. Molly knipste die Lampe aus und trat schnell drei Schritte zurück zu Markus. Dieser umfing sie mit den Armen und drückte sie an sich.
»Tu so, als ob wir hier schmusen«, flüsterte er in ihr Haar, als vom Bürgersteig schon eine tiefe Stimme erscholl: »Was machens’ denn da?« Ein Wachmann mit blauer Mütze näherte sich ihrem Baum. »Kommens’ da raus, bittschön.«
Molly und Markus folgten der Aufforderung und traten eng umschlungen aus dem Schatten.
»Wir tun doch gar nichts«, erklärte Markus dem Polizisten. Molly kicherte vernehmlich und nestelte an den Knöpfen ihrer Jacke, als ob sie gerade noch weit geöffnet gewesen wäre.
Der Polizist musterte sie skeptisch, der Altersunterschied konnte ihm trotz der Dunkelheit nicht entgehen. Er verzog das Gesicht. »Gengans da weiter, des is hier privat«, forderte er sie auf.
»Is scho recht, Herr Inspektor, wir gehn eh schon.« Markus’ Stimme schwankte ein wenig, als ob er nicht mehr ganz nüchtern wäre. Kopfschüttelnd setzte der Polizist seinen Weg weiter in Richtung Schlosseingang fort. Er wandte sich noch mehrmals zu ihnen um und vergewisserte sich, dass sie wirklich weitergingen. Arm in Arm schlenderten Molly und Markus zur Kreuzung und bogen um die Ecke. Dort blieben sie stehen und warteten.
Molly kicherte wieder. »Nun habe ich in Wien meinen Ruf weg«, lachte sie.
»Was soll ich erst sagen? Ich bin immerhin verheiratet«, stimmte Markus in ihr Lachen ein.
Molly schlich zurück zu der Ecke, ließsich auf ein Knie nieder und blickte tief unten um die Mauer. »Er ist weg.«
»Konntest du vorhin etwas entdecken?«, fragte Markus.
»Nein, ich habe nichts gesehen«, antwortete Molly. »Aber die Mauer hat so viele Vorsprünge, die im Schatten liegen, dass es schwierig ist, etwas zu erkennen.«
Sie schwieg und dachte nach, und Markus störte sie nicht.
»Ich glaube, es ist fast unmöglich, hier an der Mauer etwas zu machen, ohne dass es auffällt. Wenn da dahinter Menschen wohnen, bemerken die das doch, wenn jemand mit Stemmeisen und Hammer arbeitet. Und auch nachts kommt immer wieder mal jemand vorbei, das haben wir ja gerade gesehen.«
»Ja, du hast recht. Aber was dann?«
»Kann es sein, dass der Dead Drop von innen montiert wurde?«, fragte Molly. »Ist der Finstere Gang so einfach zugänglich?«
»Er ist genauso zugänglich wie jedes Wohnhaus in Wien. Wenn man wen kennt oder hier was zu erledigen hat, ist das kein Problem. Ein Handwerker, ein Lieferant oder auch ein Postbote kommt immer rein.«
»Wo könnte das gemacht werden? Sicher nicht in einer Wohnung, oder?«
»Nein, aber es gibt Treppenhäuser und Abzweigungen, das wäre eine Möglichkeit.« Markus verstummte, während er die Fensterfront scharf musterte.
»Schau mal, da ist der Abstand zwischen zwei Fenstern ein bisserl größer, und hier ist ein kleiner Mauervorsprung. Vielleicht ist dahinter eine Nische?«
Molly sah sich um, doch das Areal vor der Schlossmauer lag wie ausgestorben da. Mit schnellen Schritten näherte sie sich der Wand und ließwieder das Licht ihrer kleinen Lampe darübergleiten.
»Hier ist etwas!«, frohlockte sie. »Ich glaube, ich habe es gefunden.«
Sie wies auf ein kleines metallenes Viereck, das direkt hinter dem Mauervorsprung im Schatten zu erkennen war. Markus musterte es.
»Ja, das ist ein Dead Drop. Gut gemacht!«, beglückwünschte er sie.
»Das war gutes Teamwork«, gab Molly das Kompliment zurück. »Und jetzt? Haben wir ein Gerät, mit dem man das auslesen kann?«
»Nein, ich hab nichts mit. Aber zu Haus, da hab ich ein OTG-Kabel, damit würd’s sogar mit dem Handy klappen.«
Molly sah auf die Uhr, es war nach Mitternacht. »Ich weiß, es ist schon spät, aber …«
»Kein Problem«, unterbrach sie Markus. »Bei Tageslicht können wir hier gar nichts tun. Wenn, dann jetzt, sonst können wir gleich bis morgen Abend warten.«
»Ich bleibe so lange hier und beobachte, ob sich etwas tut«, schlug Molly vor.
»Das gefällt mir gar nicht, dich hier alleine zu lassen«, wandte Markus ein.
»Mir passiert schon nichts, keine Sorge«, beruhigte ihn Molly. »Aber ich würde wirklich gerne wissen, ob dieser Dead Drop auch von anderen Leuten besucht wird.«
Das musste Markus akzeptieren, und so ging er zurück zum Auto, während Molly alleine zurückblieb.

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