Das Schaf-Komplott, Auszug aus Kapitel 6

Molly blieb stehen und atmete tief die frische kalte Luft ein. Lautes Blöken weckte ihre Aufmerksamkeit und sie beobachtete mit stillem Vergnügen zwei Lämmer, die in ungelenken Sprüngen über das Gras hopsten. Sie mussten zu Mr. Stauntons Mutterschafen gehören, die sie gestern schon bei Willy Road End gesehen hatte.
Die beiden Jungtiere hatten sie bemerkt und blieben wie erstarrt stehen. Dann hüpften sie schnell davon und versteckten sich unter ihren Müttern, die nun die schwarzen Gesichter hoben. Fast alle schienen Lämmer neben sich zu haben, aber die kleine Herde war zu sehr in Bewegung, als dass Molly die Tiere hätte zählen können. Die Anwesenheit eines Menschen in ihrer unmittelbaren Nähe schien sie zu stören, denn langsam setzten sie sich in Marsch und wanderten weiter den Hang hinauf, ohne dabei ihr beständiges Grasen zu unterbrechen.
Als Molly die Augen zusammenkniff und den wolligen Rücken hinterhersah, bemerkte sie ein Blinken im Gras, vielleicht zehn Meter von ihr entfernt. Noch während sie näher kam, erlosch das Blinken, doch sie hatte sich die Stelle eingeprägt und musterte nun aufmerksam den Boden. Da! Zwischen den Grashalmen hing ein kleiner metallischer Gegenstand. Sie hätte ihn nie bemerkt, hätte er nicht für einen kurzen Moment das Sonnenlicht genau in ihr Auge reflektiert. Sie hob ihn auf und legte ihn auf ihre Handfläche: Es war ein winziger silberner Stern mit erhabenen Spitzen und kleinen Krallen am Rand, die aufgebogen waren. An der Unterseite verlief eine Bruchkante, und Molly rätselte, was das war. Ein Teil eines Schmuckstücks vielleicht? Oder die Verzierung einer Jacke? Offensichtlich hatte es jemand auf der Weide verloren, und es konnte noch nicht lange hier im Gras liegen, denn es glänzte wie neu.
Sie schob es in die Tasche und wandte sich um. In diesem Augenblick tauchte der blonde Haarschopf eines Mannes in der kleinen Schlucht auf, der hier offenbar in hockender Stellung verharrt hatte und sich nun aufrichtete. Hatte er sie beobachtet? Nein, es sah nicht so aus. Er kam näher und lächelte sie offen an.
Er war ein ganzes Stück größer als sie, und sie musste den Kopf heben, als er vor ihr stand. Sein frisches jungenhaftes Gesicht mit dem Grübchen im Kinn erinnerte sie an einen bekannten Schauspieler, doch sie kam nicht auf den Namen. Aus der Entfernung hatte er sehr jung gewirkt, aber als er herankam, erkannte sie, dass er eher Mitte 30 als Anfang 20 sein musste.
»Das Wetter ist ja nun doch noch ganz gut geworden«, begann er in einem Tonfall, als setzte er ein Gespräch fort, das sie bereits früher am Tag begonnen hatten. »Das hätte man heute Morgen nicht erwartet, oder?« Mit diesen Worten lächelte er sie aus strahlenden blauen Augen an. Molly nickte, ein wenig überrumpelt von seiner offenen Art.
»Eigentlich müsste man jetzt hoch zum Gipfel wandern, die Aussicht muss wunderbar sein!« Er seufzte. »Aber ich bin ja nicht zum Vergnügen hier.«
Molly sah ihn neugierig an und hob fragend die Augenbrauen. Er hatte ein entwaffnendes Lächeln, das ihr gut gefiel.
»Ich arbeite für die NFA, die National Farmers Assurance Company«, beantwortete er ihre unausgesprochene Frage. »Gestern wurde uns ein Schafdiebstahl gemeldet, der hier stattgefunden haben soll.« Sein Arm umfasste das ganze Gebiet bis hinunter zur Straße. »Ich muss in solchen Fällen immer persönlich vor Ort und so etwas wie einen Lokalaugenschein machen.«
»Und, haben Sie etwas gefunden?« Jetzt war Mollys Interesse geweckt.
»Nein, bis jetzt nicht«, erwiderte er. »Meistens stoße ich auch nur auf ein kaputtes Tor oder einen aufgeschnittenen Zaun. Manchmal sind da Reifenspuren, und einmal …« Er senkte die Stimme zu einem verschwörerischen Flüstern, »… habe ich sogar ein Taschentuch gefunden.« Er zwinkerte ihr zu, und Molly musste lachen. »Aber es geht auch gar nicht darum, dass ich die Schafdiebe fangen soll, nicht dass Sie das glauben. Das ist Aufgabe der Polizei.« Er seufzte, als ob er das bedauerte. »Eigentlich prüfe ich nur, ob das, was ich hier finde, zu dem passt, was der geschädigte Farmer sagt.«
Molly nickte.
»Ich bin übrigens Cliff, Cliff Harrison«, stellte er sich vor und reichte ihr die Hand.
Molly erwiderte zögernd seinen Händedruck. Er war überraschend fest und warm. »Molly Preston«, murmelte sie.
»Machen Sie hier Urlaub?« Der Mann ließsich von ihrer reservierten Haltung nicht abschrecken.
»Ja, ich habe in Hardraw ein Cottage gemietet.«
»In Hardraw? Waren Sie denn schon im Blue Dragon Inn?«
Molly verneinte. »Ich bin erst am Samstag angekommen.«
»Da sollten Sie unbedingt hin. Zu dem Gasthaus gehört ein Wasserfall, den müssen Sie sich auf jeden Fall ansehen!«
Molly schmunzelte über seine unverhohlene Begeisterung. »Dann werde ich das tun. Danke für den Tipp!«
»Haben Sie heute Abend schon etwas vor? Ich könnte Ihnen den Wasserfall zeigen, wenn Sie möchten.« Die blauen Augen sahen sie bittend an.
Mollys erste Reaktion war, ihm einen Korb zu geben, aber dann besann sie sich anders. Die Alternative wäre womöglich ein weiterer Abend mit Mary Ann und den Fotoalben, und das hielte sie nicht aus. Da war die Aussicht auf ein Abendessen in netter und noch dazu so gutaussehender Gesellschaft schon besser, und deshalb stimmte sie schließlich zu.
»Sagen wir, um halb sechs im Blue Dragon? Dann ist es noch hell genug, um etwas zu sehen«, schlug er vor.
Molly nickte. »In Ordnung.«
»Ich warte dann in der Bar auf Sie.«

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