Pater Noster - Eine mörderische Kampagne, Auszug aus »Montag«

MONTAG

Stefan war heilfroh, dass er heute nicht wieder dreieinhalb Meter breite Plakate ankleben musste. Das war richtig viel Arbeit gewesen, er hatte den Aufwand völlig unterschätzt. Doch das Budget für die Kampagne war begrenzt, da war es ihm sinnvoll erschienen, die Plakate selbst anzubringen, anstatt es von einem professionellen Plakatierer machen zu lassen. Außerdem hatte er so die Gewissheit, dass das große Auge wirklich zum richtigen Zeitpunkt überall in der Stadt auftauchte. Es hatte enorm Geld gespart, aber er war auch die halbe Nacht dafür unterwegs gewesen und am Sonntagmorgen völlig ausgepumpt in sein Bett gefallen.
Heute hatte er noch immer Muskelkater und wäre am liebsten im Bett geblieben. Aber es half nichts. Auch wenn es draußen noch dunkel war, er musste raus. Seine Idee funktionierte nur, wenn er jetzt am Ball blieb. Er nahm den obersten der kreisrunden Ausdrucke von dem Stapel auf dem Tisch und hielt ihn ins Licht. Er war perfekt.
Das Papier war diesmal ein wenig dünner, aber das sollte so sein. Auf das Plakat von gestern geklebt, würde es umso echter wirken. Das randlose Bild zeigte eine riesige Pater-Noster-Erbse in der Draufsicht, mit dem schwarzen runden Fleck in der Mitte und der knallroten Schale als schmalen Rand außen herum.

Deborah wurde vom Zwitschern der Vögel vor dem Fenster geweckt. Sie war allein. Carl war verschwunden, das schien bei ihm zur Gewohnheit zu werden. Sie lauschte angestrengt in der Hoffnung, er wäre nur auf der Toilette, aber diesmal war er wirklich nicht mehr da.
Seine Kleidung war weg, sein Handy, das am Abend noch auf dem Tisch gelegen hatte, ebenfalls. Ihr Schlüsselbund, den er gestern Morgen einfach genommen hatte, als er Brötchen holen ging, lag im Regal. Nur der schwache Duft seines Aftershaves lag noch in der Luft.
Sie sah auf die Uhr. Es war kurz nach acht, wahrscheinlich war Carl schon auf dem Weg zur Arbeit. Er war morgens immer als Erster da, das würde heute nicht anders sein. Ihr Herz begann zu klopfen, sobald sie an die bevorstehende Begegnung in der Agentur dachte. Wie würde er sich verhalten? Würde er so tun, als wäre nichts gewesen? Oder würde er sie – Gott bewahre – vor den anderen umarmen und küssen?
Schnell sprang Deborah aus dem Bett und setzte Kaffee auf. Dann begann sie, die Kleidung aus der Reisetasche endlich in den Schrank im Flur zu räumen. Gestern hatte sie keinen Handschlag in der Wohnung getan, und genauso sah es auch immer noch aus.
Der Kaffee war fertig. Sie schüttete Müsli in eine Schüssel, übergoss es mit Milch und setzte sich zum Frühstücken an den Tisch. Nach einigen Löffeln verging ihr aber der Appetit – zu sehr erinnerte sie die Mahlzeit an Boris’ Tod. Angeekelt kippte sie den Rest in die Toilette und spülte die Schale aus. Ob die Polizei schon etwas gefunden hatte?
Das Fenster hatte die ganze Nacht offen gestanden. Ein Blick nach draußen zeigte Deborah, dass erneut ein heißer Tag bevorstand. Sie entschied sich für eine dunkle Hose und eine einfache schwarze Bluse, deren Ärmel sie bis über die Ellenbogen aufkrempelte.
Die Haare flocht sie zu einem strengen Zopf und bis auf etwas Wimperntusche verzichtete sie völlig auf Make-up. Alles andere erschien ihr unpassend angesichts des Todesfalls.

Auf dem Weg ins Büro sah sie müßig aus dem Fenster der Straßenbahn. Das große rote Auge, das ihr gestern bereits aufgefallen war, war auch hier überall zu sehen und schien sie regelrecht zu verfolgen. Die Pupille des Auges kam ihr heute unnatürlich großvor und auch die Iris hatte sich verändert. Sie war nur noch als schmaler knallroter Rand zu sehen. Der Effekt war unheimlich, als ob das Auge seinen Blick auf etwas richtete, das sonst niemand sehen konnte.
»Dreh dich im Kreis!«, stand darunter.

Stefan atmete tief durch und strich sich das schweißnasse Haar aus der Stirn. Er war todmüde.
Das war die zweite Nacht in Folge, die er sich wegen der Plakate um die Ohren geschlagen hatte. Aber es half nichts, er musste jetzt noch einmal los, um die Einladungen zur Post zu bringen. Die einzelnen Elemente der Kampagne mussten wie Zahnräder ineinandergreifen, um zu funktionieren.
»Dreh dich im Kreis«, murmelte er halblaut, während er die adressierten Kuverts in seine Fahrradtasche packte. »Immer im Kreis.«

Carl nickte Klaus zu, der als Letzter den Raum betrat und sich schnell auf einen freien Stuhl setzte.
»Meine Herrschaften, Sie wundern sich wahrscheinlich, warum ich hier bei Ihrer Teambesprechung anwesend bin«, begann Hauptkommissar Brück und musterte nacheinander alle Mitarbeiter, die sich im Besprechungszimmer der Agentur versammelt hatten. »Ich habe Ihnen leider eine traurige Mitteilung zu machen. Herr Boris Niess ist gestern verstorben.«
Er wartete ab, bis sich das erschrockene Gemurmel gelegt hatte.
Carl saßam Kopfende des langen Konferenztisches und beobachtete Brück, der seinerseits die Reaktionen der Leute genau im Auge behielt.
Er war seit acht Uhr im Büro. Kurz danach waren mehrere Beamte der Spurensicherung eingetroffen, die nun, in weiße Ganzkörperanzüge gehüllt, Boris’ Büro akribisch untersuchten. Wie zu erwarten gewesen war, hatte der Staatsanwalt Fremdverschulden nicht ausgeschlossen und eine Untersuchung angeordnet. Boris’ Leiche war bereits unterwegs in die Gerichtsmedizin und würde wahrscheinlich heute noch obduziert werden.
»Ich bin Hauptkommissar Brück vom Kommissariat 11«, fuhr Brück fort. »Es wurde ein Todesermittlungsverfahren eingeleitet, um herauszufinden, warum Herr Niess gestorben ist. Infolge der Umstände, unter denen er aufgefunden wurde, lässt sich Fremdverschulden nicht ausschließen. Deshalb bin ich hier.«
Aufmerksam sah er von einem zum anderen. »Ich habe Herrn Schulze gebeten, Ihnen vorher nichts davon zu sagen, ich wollte es Ihnen selbst mitteilen. Bitte haben Sie dafür Verständnis.«
Er schwieg kurz, was dem eben Gesagten eine besondere Bedeutung zu geben schien, dann hob er die Stimme. »Bitte bleiben Sie hier und halten sich zu unserer Verfügung. Ich möchte mit jedem von Ihnen einzeln sprechen. Herr Schulze hat mir dafür dieses Besprechungszimmer zur Verfügung gestellt.« Seine Handbewegung umschloss den ganzen Raum.
Sam und Svenja, die am anderen Ende des Zimmers auf einem breiten Ledersofa saßen, flüsterten miteinander. Ein scharfer Blick von Klaus brachte sie zum Schweigen.
»In Herrn Niess’ Büro arbeitet momentan ein Team von der Spurensicherung. Ich muss Sie bitten, diesen Bereich nicht zu betreten, bis wir fertig sind.«
Carl erhob sich und sah von einem zum anderen. »Ich weiß, dass das für euch alle ein furchtbarer Schock ist. Mir geht es ja nicht anders. Aber ich bitte euch, Ruhe zu bewahren und euch ganz normal zu euren Plätzen zu begeben, bis ihr aufgerufen werdet. Es wird hoffentlich nicht lange dauern«, schloss er und warf Brück einen fragenden Blick zu.
Der schüttelte den Kopf. »Das kann ich Ihnen nicht versprechen«, antwortete er. »Es kommt darauf an, ob die Leute von der Spurensicherung etwas finden.«
Er deutete auf Monique, die unter der Schminke so blass geworden war, dass man die Sommersprossen auf ihrer Nase sehen konnte. »Ich würde gerne mit Ihnen anfangen. Die anderen können bitte draußen warten, ich rufe Sie dann herein. Danke schön.«
Obwohl wie eine Bitte formuliert, war es ein Befehl, und alle erhoben sich. Carl sah zu, wie seine Leute einer nach dem anderen den Raum verließen. Der Erste war Klaus, der Chefgrafiker, gefolgt von Sam, dem Animateur, und Svenja, der Texterin. Dann kamen die beiden anderen Grafiker, Martin und René, sie steckten beim Hinausgehen die Köpfe zusammen. Yasmin, die Webdesignerin, und Felipe, der spanischstämmige Fotograf, sahen sich unsicher nach ihm um, während Sebastian, Projektkoordinator, Mädchen für alles und sein Stellvertreter, an der Tür auf ihn wartete. Deborah sah zu ihm herüber, als sie durch die Tür ging, und er lächelte ihr kurz zu. Sie hatte sich heute nicht geschminkt und sah jung und verletzlich aus.
Es hatte sich noch keine Gelegenheit ergeben, mit ihr unter vier Augen zu sprechen. Er war sich auch noch nicht sicher, wie er mit ihrem Verhältnis innerhalb der Agentur umgehen sollte. So tun, als ob nichts gewesen wäre? Das könnte Deborah vor den Kopf stoßen. Oder es ganz offen zur Schau stellen? Dann vergaßsie am Ende noch, wo ihr Platz war. Beides erschien ihm falsch, er musste einen Mittelweg finden.

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