Der Lavendel-Coup, Auszug aus Kapitel 6

Es war bereits Nachmittag, als Molly von Carpentras zurück in Richtung Mirocène fuhr. Am Ortseingang fuhr sie jedoch nicht geradeaus ins Zentrum, sondern bog in die schmale Straße ab, die in die Berge führte. Nach einigen Minuten hatte sie die Kapelle erreicht und parkte ihr Auto im Schatten unter den Büschen, die den Zufahrtsweg zur Kapelle säumten. Die lila Schmetterlinge waren wieder da und flogen auf, als sie zu der kleinen Terrasse neben der Kapelle schritt. Vom Knauf an der Eingangstür flatterte das rote Absperrband der Polizei, doch sie wollte gar nicht in die Kapelle.
Die Sonne schien warm auf den kleinen Platz und die alte Steinwand reflektierte die Hitze. Molly atmete tief ein und genoss die Gerüche in vollen Zügen: Thymian und ein wenig Lavendel lagen immer in der Luft, hier kam noch eine harzige Note hinzu, die von den Kiefern rührte, die auf der anderen Straßenseite wuchsen. Der Gesang der Zikaden schallte von den Olivenbäumen hinter der Kapelle herüber und übertönte fast das Gezwitscher der Vögel.
Molly setzte sich auf die Steinbank, auf der Colombin und Pierre so oft gesessen hatten und vergegenwärtigte sich nochmals die Position des Gaunerzinkens in der Kapelle. Das Gärtchen wurde nach Osten von der Kirchenwand begrenzt, in der sich auch die Steinbank befand. Die Kirchenmauer sprang nach Süden hin ein Stück vor, hier musste das kleine Seitenschiff sein, in dem sie gearbeitet hatte. Die so gebildete Mauerecke bildete gleichzeitig die Ecke der Terrasse und wurde durch die niedrige Steinmauer fortgesetzt, die die sandige Fläche begrenzte. In der südwestlichen Ecke war die Mauer unterbrochen und ein paar Stufen führten hinunter zu dem Olivenhain, über dem sich die Kapelle erhob.
Molly zog ihr Handy aus der Tasche und öffnete die Fotogalerie. Als sie das Bild öffnete, auf dem die Bruchstücke des Zinkens noch an der Wand hingen, erkannte sie, dass der Pfeil nicht gerade gemalt war, sondern seine Spitze nach unten gewiesen haben musste. Sie stand auf, das Handy mit dem Bild der Kapellenwand in der Hand und stellte sich so hin, dass der Zinken parallel zur Wand des Mauervorsprungs verlief. Ah! Ihr Gesicht verzog sich zu einem schiefen Grinsen, als sie erkannte, was Gerard mit dem Zeichen ausdrücken wollte.
Sie steckte das Handy weg und kletterte vorsichtig die steilen Stufen zum Olivenhain hinunter. Dann wandte sie sich der Kapelle zu.
Von hier aus ragte sie überraschend hoch über ihr auf, denn sie war auf einem Felsvorsprung errichtet, wie sie jetzt erkannte. Die Natursteinwand der Apsis wuchs direkt aus dem Felsen heraus und der kleine Garten mit dem Olivenbaum war nichts anderes als die Fortsetzung der felsigen Fläche, auf dem die Kapelle stand.
Die Pfeilspitze des Gaunerzinkens wies genau auf die Ecke der Seitenkapelle, dorthin, wo die Außenwand der Kapelle mit der Mauer zusammenstieß. Und wenn sie die Richtung des Gaunerzinkens richtig interpretierte, dann müsste sie am Fuße der Mauer fündig werden. Dort wo sie jetzt stand befand sich die Basis der Mauer auf Höhe ihres Kopfes, und sie beugte sich vor, um die Steine genauer in Augenschein zu nehmen.
Mit den Fingern tastete sie die Mauer ab, doch die Steine waren alle fest und wiesen keine Zwischenräume auf. Die Felswand unterhalb der Mauer jedoch war zerklüftet und von Spalten durchzogen, in denen wilder Thymian und Steinbrech wuchs. Vorsichtig tastete sie in die kleinen Höhlungen hinein, doch außer einer Eidechse, die sie aufstöberte, fand sie nichts.
Sie dachte schon, sie hätte sich geirrt und wollte beinahe aufgeben, da erspürten ihre Finger eine kleine Bewegung. Direkt unter der untersten Mauerreihe wackelte ein Stein unter ihrer Berührung und als sie daran zog, bewegte er sich ein wenig. Doch bevor sie noch den Stein aus seinem Bett aus Moos und Sand befreien konnte, hörte sie ein Motorengeräusch und das Knirschen von Sand unter Reifen.
Im Stillen verfluchte sie die Zikaden für den Lärm, denn sie hatte das Auto nicht kommen hören. Rasch sprang sie die Treppenstufen hoch und als sie Autotüren schlagen und Schritte näher kommen hörte, saß sie schon auf der Steinmauer und blickte offensichtlich in Gedanken versunken in die Ferne.

Sie blickte auf, als Kommissar Demoireau und Claude du Fondette den Platz vor der Kapelle erreichten. Beide waren offenbar überrascht, sie zu sehen, doch nur Demoireau kam heran und reichte ihr die Hand.
„Bonjour, Mademoiselle Marie”, sagte er. „Was bringt Sie denn hierher?”
Sein Tonfall war in keiner Weise vorwurfsvoll oder anklagend, nichts als freundliches Interesse.
„Bonjour Monsieur le Commissaire”, antwortete Molly und stand auf. „Entschuldigen Sie, ich wusste nicht…”
Sie öffnete ihre Augen eine Spur weiter als normal und ließden Unterkiefer etwas sinken, so sah sie ihn an mit einer subtilen Unsicherheit im Blick. Nur nicht übertreiben, der Kommissar war sicher ein guter Menschenkenner.
Demoireau reagierte prompt. „Nein, es ist schon in Ordnung”, beruhigte er sie. „Die Kapelle ist noch gesperrt, wir haben die Untersuchungen noch nicht abgeschlossen.”
„Gibt es schon etwas Neues?” Aufrichtiges Interesse lag in Mollys Stimme und sie musste es nicht einmal spielen. Nur ihre Stimmlage war einen Hauch höher als sonst.
„Nein, wir wissen noch nichts Genaues.” Mit diesen Worten kam auch Claude du Fondette heran. „Sie bekommen Bescheid, sobald die Arbeit weiter geht”, erklärte er in kurz angebundenem Tonfall. Vielleicht dachte er, sie wäre wegen der Arbeit hier, doch er musterte sie scharf aus schmalen Augen. Störte ihn ihre Anwesenheit?
„Ich fahre dann wohl besser wieder”, sagte Molly und wandte sich zum gehen.
„Nehmen Sie es sich nicht so zu Herzen”, sagte Demoireau, als er ihr die Hand reichte. Offenbar war der Eindruck, den sie vermitteln wollte, bei ihm angekommen.
„Es ist schwer”, antwortete Molly. „Ich hatte das Gefühl, es würde helfen, wenn ich hierher komme.”
„Ja, das kann ich verstehen.” Der Kommissar war ganz der fürsorgliche väterliche Freund. Er nahm sie beim Arm und führte sie zu ihrem Auto. Molly ließihn gewähren und blieb ihrer Rolle treu: erschüttert vom gewaltsamen Tod des Arbeitskollegen, erschrocken über die Konfrontation mit der Vergänglichkeit des Lebens.
Als sie ins Auto stieg, erhaschte sie noch einen Blick auf Fondette. Er stand wie eine Steinfigur am Kirchenportal und ließsie nicht aus den Augen. Offenbar hatte sie seinen Verdacht nicht zerstreuen können und sein Misstrauen war fast körperlich greifbar. Doch woher kam es? Was störte ihn an der Tatsache, dass sich die kleine Studentin, die er eingestellt hatte, an der Kapelle aufhielt?
Molly legte den Rückwärtsgang ein, wendete das Auto und fuhr zurück nach Mirocène. Die Geschichte gefiel ihr immer weniger, sie war sich inzwischen sicher, dass hinter Pierres Tod mehr steckte als ein Unfall. Wahrscheinlich hätte sie dem Kommissar gleich von dem Gaunerzinken erzählen sollen, doch noch immer hatte sie das Gefühl, der Zinken wäre ihr Geheimnis, das sie nicht mit der Polizei teilen wollte. Und mit Pierres Tod hatte der ja auch nichts zu tun, zumindest solange sie nicht sicher wusste, ob die Bruchstücke mit dem Zeichen wirklich verschwunden waren.
Und was war mit dem losen Stein in der Mauer, den sie entdeckt hatte? Es war wirklich Pech, dass Demoireau und Fondette ausgerechnet in diesem Augenblick zur Kirche gekommen waren!

Beim Abendessen überlegte Molly ihre weitere Vorgehensweise. Der Salade Niçoise schmeckte hervorragend und so widmete sie zuerst der Mahlzeit ihre volle Aufmerksamkeit. Anschließend überdachte sie mit dem Weinglas in der Hand die Möglichkeiten, die ihr zur Verfügung standen.
Zur Kapelle konnte sie jetzt nicht mehr ohne weiteres fahren, ohne Aufmerksamkeit zu erregen. Wenn der Kommissar oder gar Monsieur du Fondette sie nochmals da antreffen sollten, würde ihr niemand mehr die Harmlosigkeit ihres Tuns abnehmen. Trotzdem musste sie unbedingt nochmals hin, um den losen Stein in der Mauer genauer zu untersuchen.
Sie erinnerte sich an den Wanderführer, den sie am Vortag in dem kleinen Laden am Marktplatz erstanden hatte und kramte ihn aus ihrer Tasche. Warum hatte sie ihn eigentlich eingesteckt?
Sie schlug ihn auf und fand ziemlich in der Mitte das Dorf Mirocène und eine Beschreibung der spärlichen Sehenswürdigkeiten. Die Kirche fand Erwähnung und der alte Friedhof, doch in erster Linie war Mirocène Ausgangspunkt von mehreren Wanderwegen in die Berge. Als sie die detaillierte Karte studierte, sah sie einen rot markierten Weg eingezeichnet, der hinter dem Marktplatz am Ende einer Gasse begann und auf halber Höhe des Berghangs zur Kapelle hoch führte. Hinter der Kapelle überquerte er die Straße und führte auf der anderen Seite den Berg wieder hinunter. “Route ancienne” stand am Beginn des Weges verzeichnet, die alte Straße offenbar. Der Weg verlief auf der Karte fast schnurgerade den Berghang entlang und erschien deutlich kürzer als die Route départementale, die sich auf der anderen Seite des Hügels in Serpentinen hochwand. Eine Stunde gab der Wanderführer als benötigte Zeit an, doch das war bei Tageslicht gerechnet und in Molly reifte gerade ein ganz anderer Plan.
Sie trank ihren Wein aus und ging hoch in ihr Zimmer. Sie duschte kurz, dann schloss sie die Fensterläden, löschte das Licht und ging zu Bett. Zum Glück hatte sie schon früh gelernt, zu jeder Tages- und Nachtzeit schlafen zu können, so war sie innerhalb kürzester Zeit eingeschlafen.
Um halb zwei Uhr morgens weckte sie der Ton ihres Handys. Leise zog sie sich an: schwarze Jeans, dunkles langärmeliges T-Shirt und ein schwarzes Schaltuch über die zu einem festen Zopf geflochtenen Haare. Leichte Trekkingstiefel vervollständigten das Outfit, dazu eine Gürteltasche mit Taschenlampe und ein wenig Werkzeug. Bevor sie das Zimmer verließ, spähte sie noch ein letztes Mal durch den Spalt der Fensterläden.
Halt, was war das? Ein orange leuchtender Punkt war kurz aufgeglimmt, auf der anderen Straßenseite bei den parkenden Autos. Nun noch einmal, da saßjemand im Auto und rauchte eine Zigarette. Die Scheibe senkte sich und der Stummel der Zigarette flog auf die Straße. Kurz erhaschte Molly einen Blick auf das dunkle Profil eines Mannes, den sie wissentlich noch nie gesehen hatte. Wie lange saßer schon da? Und was gab es in einem Dorf wie Mirocène mitten in der Nacht zu sehen?
Molly hatte eigentlich vorgehabt, das Hotel durch die Seitentür zu verlassen, für die auch ihr Zimmerschlüssel passte, aber mit dem Mann vor der Tür war das nicht mehr möglich. Vielleicht hatte der stumme Beobachter auch etwas ganz anderes im Sinn, doch Molly wollte kein Risiko eingehen.
Leise verließsie ihr Zimmer und schlich die Treppe hinunter. Wenn sie jetzt jemand zu Gesicht bekäme, könnte sie ihren Aufzug nur schwer erklären. Unten wandte sie sich nach rechts in die Gaststube und verschwand hinter der Theke in der Küche. Auf der anderen Seite führte ein schmaler Gang zum Hintereingang, der sich auf einen kleinen Hof öffnete. Die Tür war abgeschlossen, doch der Schlüssel steckte von innen im Zylinderschloss und Molly huschte hinaus. Sie zog die Tür hinter sich zu, ließsie aber nicht ins Schloss fallen. Mit dem Fußschob sie einen kleinen Stein in den Türspalt und hoffte, dass das ausreichte, um ihr den Rückweg zu sichern.
Sie vermied die Einfahrt, die auf den Marktplatz hinausführte, und wandte sich statt dessen auf der anderen Seite des Hofs in einen schmalen Durchgang zwischen zwei Häusern. Dieser führte in einen weiteren Hof, der in die Gasse mündete, die parallel zum Marktplatz verlief. Nach knapp hundert Metern mündete diese wieder in den Marktplatz, hier drückte sich Molly schnell um die Ecke und verschwand in der Gasse, die sie zu ihrem Wanderweg führte.
Als Molly die Häuser hinter sich gelassen hatte, schritt sie kräftig aus. Die Luft war warm und es roch nach Sommer. Die Zikaden waren verstummt und so waren ihre Schuhsohlen auf dem steinigen Pfad das einzige Geräusch. Es war sehr dunkel, doch Mollys Augen hatten sich schnell an die Dunkelheit gewöhnt und sie schaltete ihre Taschenlampe nur ab und an kurz ein um sich zu orientieren. Der Weg war zum Glück nicht zu verfehlen, es war mehr eine kleine Straße als ein Wanderweg und an den seltenen Abzweigungen war eine rote Markierung angebracht, die ihr den Weg wies. Einmal hörte sie ein Auto, aber es war außer Sicht hinter dem Hügel und sie sah nur kurz die Scheinwerferkegel des Fernlichts eine entfernt liegende Kuppe bescheinen, als es um eine Kurve fuhr. Es hielt nicht an und das Motorengeräusch verklang schnell.
Nach einer knappen Stunde in zügigem Schritt hatte Molly die Kapelle erreicht und näherte sich ihr von der Rückseite. Nun war sie vorsichtig und setzte leise einen Fußvor den anderen. Dank ihrer dunklen Kleidung war sie in der Landschaft so gut wie unsichtbar, doch vor der hellen Wand der Kapelle würde sie sich abheben wie ein Schatten im Sonnenschein. Der sandige Vorplatz, auf dem sie heute Nachmittag geparkt hatte, lag leer vor ihr. Sie wandte sich vor der Kapelle nach links und ging den grasbewachsenen Abhang zum Olivenhain hinunter. Dann umrundete sie die Kapelle, deren schwarze Fensterhöhlen sie zu verfolgen schienen und näherte sich der Mauer.
Noch einmal hielt sie inne und blickte sich um. Nichts, alles war ruhig. Nach kurzer Suche hatte sie den Stein ertastet, den sie heute Nachmittag entdeckt hatte. Sie zog daran, er ließsich bewegen, kam jedoch nicht frei. Sie kratzte ein wenig Moos und Sand aus seinem Bett, drehte ihn noch etwas hin und her und endlich hatte sie ihn in der Hand. Dahinter sah sie eine schwarze Höhlung und als sie ihre Hand hineinsteckte erwies diese sich als erstaunlich tief. Molly drehte ihre Hand in dem Loch und tastete die Wände ab. Nichts. Dann schob sie ihre Hand noch tiefer und nun fühlte sie mit den Fingerspitzen etwas weiches. Sie zog die Hand zurück und betrachtete ihren Fund: es war ein Stück Stoff, mehr ein Lumpen, doch darin eingeschlagen spürte sie etwas knistern. Sie legte das Päckchen beiseite und manövrierte den Stein wieder an seinen Platz. Dann schaltete sie die Taschenlampe ein und drehte die Blende so, dass nur noch ein schmaler Lichtstreifen zu sehen war. Im Lichtschein betrachtete sie ihren Fund: es sah aus wie ein ehemals blau kariertes Küchentuch, doch es war schwarz angelaufen und zerfiel an den Rändern. Als sie den Stoff zurück schlug, kam Wachspapier zum Vorschein und ihr stieg ein stechender Geruch in die Nase.
In diesem Augenblick sah sie die Scheinwerfer eines Autos über den Horizont huschen. Sie erstarrte. Dann hörte sie den Motor, die Scheinwerfer tauchten auf, wurden langsamer und bogen in den Weg zur Kapelle ein. Molly reagierte blitzschnell. Sie knipste die Lampe aus, schlug den Stoff wieder zusammen und stopfte sich das Päckchen vorne ins T-Shirt. Dann drehte sie sich um und eilte geräuschlos in den Olivenhain. Sobald ein paar Bäume zwischen ihr und der Kapelle lagen, kauerte sie sich hinter einen Olivenbaum. Er wuchs aus einem dicken abgebrannten Stumpf und war umgeben von mehreren großen Steinen, die ihr schmerzhaft in die Knie stachen, doch der Stumpf bot ihr Deckung. Sie schob das schwarze Tuch von den Haaren hinunter um ihren Hals und zog es von unten wieder über das Gesicht, sodass nur die Augen frei blieben. So spähte sie um ihren Baumstumpf herum.
Das Licht einer Taschenlampe schwankte oben bei der Kapelle herum und näherte sich der Treppe, die in den Olivenhain führte. Dann sah Molly eine dunkle Silhouette die Stufen herunterklettern. Der nächtliche Besucher wandte sich zielstrebig der Mauer zu und begann, diese zu untersuchen. Mollys Augen weiteten sich, als ihr klar wurde, was das bedeutete: wer auch immer das war, er wusste von dem Gaunerzinken und hatte daraus die gleichen Schlüsse gezogen wie sie. Sie war dem anderen nur um Minuten zuvor gekommen und ein Gefühl sagte ihr, sie sollte sich besser nicht hier erwischen lassen.
Der Wind blies zum Glück von der Kapelle weg und ihr ins Gesicht, denn der Geruch des Päckchens, das sie nun auf der bloßen Haut spürte, hätte sie durchaus verraten können. So aber roch nur sie den intensiv modrigen Geruch, der sich mit dem Duft nach Thymian und Erde mischte.
Ziemlich lange stocherte die dunkle Gestalt in der Mauer herum und hatte offenbar irgendwann den losen Stein entdeckt, denn Molly hörte eine Männerstimme laut fluchen. Dann schwenkte die Taschenlampe herum und leuchtete durch den dunklen Olivenhain. Im hellen Licht wurden die Bäume lebendig und ihre Schatten sprangen herum wie aufgeschreckte Gespenster. Molly ignorierte ihre protestierenden Muskeln und kauerte sich noch tiefer in den Schatten des Stumpfes, sie zog sich das Schaltuch jetzt komplett vor das Gesicht und verschmolz praktisch mit dem verkohlten Holz. Keine Sekunde zu früh, denn der Lichtkegel der Taschenlampe kam näher. Ein paar Schritte vor ihr blieb die Gestalt stehen, ein hochgewachsener Mann in einer langen dunklen Jacke, wie sie durch den dünnen Stoff erkannte. Molly leerte ihren Geist und unterdrückte jegliche Gedanken. Mit der Routine jahrelanger Übung entspannte sie Körper und Geist gleichermaßen und wurde in ihrer Vorstellung zu einem Schwamm, einem schwarzen Loch, das jegliche geistige Regung absorbierte und nichts mehr abstrahlte. Der Mann ließ den Lichtstrahl zwischen den Olivenbäumen tanzen, doch den Baumstumpf zu seiner Rechten beleuchtete er nicht.
Eine Ewigkeit schien zu vergehen, doch dann drehte der Mann sich endlich um. Das Licht glitt über Molly hinweg, aber der Mann bemerkte sie nicht. Selbst wenn er einen dunklen Schemen sähe, Molly war eins mit der Umgebung und nicht mehr als Lebewesen zu erkennen. Eigentlich war sie nicht der Typ für esoterische Praktiken, doch diese Entspannungsübung hatte sich schon so oft bewährt, dass sie automatisch darauf zurück griff. Was auch immer es ist, das einen Menschen spüren lässt, wenn er beobachtet wird, sie konnte es bewusst abschalten und wurde dadurch praktisch unsichtbar, egal ob in einer Menschenmenge oder alleine im Wald.
Als er nur ein paar Schritte von ihr entfernt vorbei ging, trug ihr der Wind das würzige Aroma von Leder und Patchouli zu, gemischt mit ein wenig Zitrone und Zigarrenrauch. Molly schnupperte vorsichtig, dann sog sie den Geruch tief ein, es roch nach teurem Rasierwasser, aber sie erkannte es nicht. Der Mann blieb stehen und drehte sich nochmals um, der Geruch hatte sie aus ihrer Tiefenentspannung geholt und er hatte es bemerkt. Sie ließihren Atem geräuschlos verströmen und jegliche Anspannung mit ihm. Der Mann wandte sich wieder zum Gehen und erklomm die Stufen hoch zur Kapelle. Dann hörte sie die Autotür schlagen und das Anlassen des Motors. Einen Augenblick später strichen die Scheinwerfer über die Kapellenwand und die Reflexion erhellte den Olivenhain. Dann waren sie weg und das Motorengeräusch wurde schnell leiser.
Molly wartete noch fünf Minuten, doch alles blieb still. Erst dann stand sie auf, zog sich das Schaltuch vom Gesicht und streckte ihre verkrampften Gliedmaßen. Entspannung gut und schön, aber zwanzig Minuten regungslos hinter einem Baumstumpf zu kauern brachte selbst ihre Körperbeherrschung an den Rand des Erträglichen. Sie klopfte sich Staub und Holzkohlestückchen von der Kleidung und machte sich auf den Weg zurück. Ein kurzer Blick auf die Uhr zeigte ihr, es war kurz nach drei Uhr, es war weniger Zeit vergangen als sie gedacht hatte. Trotzdem musste sie sich beeilen, um vier Uhr begann die Morgendämmerung und dann musste sie wieder im Hotel sein.
Sie schaffte den Rückweg in fünfundvierzig Minuten und wählte den gleichen Weg zurück zum Hotel wie auf dem Hinweg. Als sie den Hinterhof betrat, sah sie sofort, dass die Tür zur Küche geschlossen war. Sie probierte ihren Zimmerschlüssel aus, doch der Schlüssel steckte noch immer von innen und und so ließsich das Schloss nicht öffnen. Ein verstohlener Blick aus dem Durchgang zum Marktplatz zeigte ihr, dass das Auto von vorhin noch immer an der gleichen Stelle stand. Ob der Mann darin wach war oder inzwischen döste oder gar schlief konnte sie von ihrer Position aus nicht erkennen, aber näher heranzugehen war ihr zu riskant.
Wenn sie Kleidung zum Wechseln greifbar hätte, könnte sie außerhalb des Dorfes auf den Tag warten und dann ganz unschuldig zurückkehren, als ob sie nur beim Bäcker gewesen wäre. Doch in ihren schwarzen Kleidern, mit Holzkohle an Gesicht und Händen könnte sie genauso gut in einem Clownskostüm durch das Dorf laufen, es wäre nicht auffälliger.
Sie blickte sich in dem Hinterhof um. Die Fenster der Küche waren vergittert und verschlossen. Im ersten Stock befanden sich die Fenster von zwei der vier Gästezimmer, fussbodentief mit einem Geländer davor und mit geöffneten Fensterläden, doch waren diese zu hoch um sie zu erreichen. Ein drittes Fenster genau über dem Hintereingang war kleiner und als sie genau hinsah, bemerkte sie, dass es nicht ganz geschlossen war. Wie eine Katze suchte sie im Geiste ihren Weg, dann war sie mit zwei schnellen Klimmzügen im Efeu an der Regenrinne und auf dem Vordach über dem Kücheneingang. Sie verharrte kurz und wartete ab, ob jemand durch das Rascheln der Blätter aufmerksam geworden war, doch alles blieb still. Jacques und Margot hatten ihre Wohnung im obersten Stockwerk und offenbar schliefen sie zur anderen Seite hinaus. Leise schob Molly das Fenster auf und zog sich hoch. Ihre Muskeln protestierten schmerzhaft, doch darauf konnte sie jetzt keine Rücksicht mehr nehmen und mit einer letzten Anstrengung ließsie sich über die Fensterbank gleiten. Schnell schob sie das Fenster wieder zu und stand auf. Sie war in der kleinen Abstellkammer am Ende des Flurs, in der Margot Bettwäsche, Handtücher und Reinigungsutensilien aufbewahrte. In der Ecke stand der Staubsauger und Molly ertastete sich den Weg zur Tür. Sie drückte die Klinke herunter, doch die Tür war abgeschlossen.
Molly seufzte, sie hatte sich schon auf eine Dusche und ihr Bett gefreut. Sie untersuchte kurz das Schloss, es war ein einfaches Zylinderschloss, kein Sicherheitsschloss wie zuvor am Hintereingang des Hotels. Dann öffnete sie ihre Hüfttasche und entnahm etwas, das auf den ersten Blick wie ein Schweizer Messer aussah. Doch die Werkzeuge, die sie ausklappte, hatten mit Messern und Flaschenöffnern nicht viel zu tun. Ein gebogenes Stück Federstahl zog sie heraus und steckte es in das Schloss, dann drehte sie es ein Stück und stocherte mit der anderen Hand mit einer kleinen Sonde, die sie ausgeklappt hatte, in dem Schloss herum. Es dauerte nur ein paar Sekunden, dann klackte es leise und Molly packte ihr Besteck wieder ein. Vorsichtig öffnete sie die Tür und blickte in den Gang. Alles war still.
Als sie ihr Zimmer betrat, atmete sie tief durch, dann holte sie das Päckchen aus ihrem T-Shirt. Der Gestank hatte sich durch ihre Körperwärme noch verstärkt und angewidert zog sie sich das schwarze Shirt über den Kopf und wischte sich damit ab. Als erstes wickelte sie das Päckchen aus dem Stoff. Dann riss sie den mürben Stoff in schmale Streifen und warf sie in die Toilette. Im Badezimmer zog sie die Hose und den BH aus und ließalles zu Boden fallen. Duschen kam jetzt nicht in Frage, fiel ihr ein, denn um diese Zeit würde sie das ganze Haus wecken. Also drehte sie den Wasserhahn nur ein klein wenig auf, befeuchtete ihr T-Shirt damit und mit Hilfe von ein wenig Seife wischte sie sich die schwarze Asche von Gesicht und Händen. Als sie keine schwarzen Spuren mehr entdecken konnte, betätigte sie die Toilettenspülung und wusch sich anschließend Gesicht und Hände mit fließendem Wasser.
Sorgfältig kontrollierte sie das weiße Handtuch auf schwarze Aschespuren und als sie zufrieden war, packte sie ihre schmutzige Kleidung in eine Plastiktüte. Die würde sie später in einem Altkleidercontainer entsorgen.
Inzwischen war es halb fünf Uhr morgens und vor dem Fenster begannen die ersten Vögel zu zwitschern. Es wurde langsam hell und in dem T-Shirt, das sie zum Schlafen trug, trat Molly an den Fensterladen und sah hinaus. Der Mann im Auto war wach und blickte zu ihr hoch. Sie wandte sich ab und stieg ins Bett. Um den Inhalt des Päckchens würde sie sich später kümmern, für diese Nacht hatte sie genug.

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