Der Drachen-Klau, Auszug aus Kapitel 6

Kurz nach sechs bog Molly in die kleine Straße ein, die zu Gabriels Finca führte. Ein riesiger silberner Landrover stand vor dem Haus, ein neues Modell mit festem Verdeck. Fast automatisch registrierte sie, dass er ein spanisches Kennzeichen hatte. Sie lenkte den kleinen Toyota daran vorbei und stellte ihn daneben ab.
Die Rosmarinbüsche warfen lange Schatten, und bis auf die Blätter des Olivenbaums, die im warmen Wind raschelten, war es totenstill. Der Geländewagen schien nagelneu zu sein und eher repräsentativen Zwecken zu dienen, so sauber, wie er war. Der Motor gab ein leises Knacken von sich. Molly legte die Hand auf die Motorhaube, sie war noch warm.
»Gabriel?«
Sein Pick-up stand direkt vor der Fabrik, aber von ihm selbst oder seinem Besucher war weit und breit nichts zu sehen. Die Tür zur Fabrik war halb geöffnet, und Molly ging hinüber. Stimmen erklangen aus dem Ziegelbau. Leise zog sie die Außentür ganz auf und betrat den Vorraum.
»Du jeetz mierr ssagen, wo verstäcken dein Haschisch!«, hörte sie eine tiefe Stimme durch die angelehnte Innentür.
»Ich habe kein Haschisch! Das, was du hier siehst, ist nur Rosmarin!« Gabriel klang verzweifelt, als ob er das nicht zum ersten Mal sagte.
»Du liegen! Ich wissen alles!« Der Mann sprach mit einem schweren Akzent, den Molly nicht recht zuordnen konnte. Russisch? Italienisch? »Du mierr ssagen, oderr ich schießen!«
Molly erstarrte. Was passierte da hinter der schweren Metalltür? Sie schlich durch den Vorraum und lugte durch den Türspalt, konnte aber von ihrer Position aus nur die Destillieranlage sehen.
»Nein, ich …« Das war wieder Gabriel. Ein metallisches Klicken ertönte.
»Du mierr jeetz ssagen!«
Molly musste etwas tun! Sie legte die Hand auf die Klinke und betete, dass Gabriel ein schnelles Reaktionsvermögen hatte.
»Was ist da los?«, rief sie mit tiefer Stimme und riss die Tür auf.
Ein großer Mann in braunem Sakko stand in der Mitte des Raums und richtete eine schwarz schimmernde Waffe auf Gabriel, der sich mit aufgerissenen Augen an die Tür zum Trockenraum drückte. Er fuhr herum, als er ihre Stimme hörte, und drückte sofort ab.
Molly hechtete zur Seite und warf im Sprung die Tür zu. Ein lauter Knall ertönte. Die Kugel traf die Metalltür und jaulte als Querschläger durch den Raum, Glas zersplitterte und fiel klirrend zu Boden. Ein zweiter Schuss krachte, die Tür dröhnte wie eine Glocke, ein Ächzen erklang, und etwas Schweres fiel zu Boden. Molly hielt den Atem an. Hinter der Tür herrschte Stille, dann hörte sie ein Scharren.
»Molly?«
Sie öffnete die Tür einen Spaltbreit und sah Gabriel, der sich mühsam vom Boden aufrappelte.
»Du hast ihn erwischt«, stellte er fest.
»Was?«
Sie zog die Tür ganz auf und starrte verblüfft auf das Bild, das sich ihr bot. Der Mann im braunen Sakko lag ausgestreckt auf dem Bauch, in der Hand eine großkalibrige Pistole. Ein grellroter See breitete sich unter ihm aus, er war offenbar mausetot.
»Er hat sich selbst erwischt«, stellte Molly richtig.
»Besser ist das«, bemerkte Gabriel lakonisch. »Immerhin war er gerade im Begriff, mich zu erschießen.«
Molly atmete tief durch und versuchte, ihren Herzschlag wieder zu beruhigen. »Wir müssen die Polizei rufen.«
»Bist du verrückt? Ich will die Polizei hier nicht haben! Die stellen alles auf den Kopf, und wenn sie mein Gras finden, wandere ich direkt ins Gefängnis. Was dann mit mir passiert, brauche ich dir ja nicht zu sagen.«
»Aber was willst du denn sonst tun?«
»Können wir die Leiche nicht einfach verschwinden lassen? Ich glaube nicht, dass irgendjemand den Typen vermissen wird.«
»Was?« Molly sah ihn fassungslos an. »Du kannst doch nicht …«
»Aber wieso denn nicht? Wir laden ihn auf meinen Pick-up, und ich fahre mit ihm in die Berge. Ich kenne genügend Orte, an denen ihn niemand findet.«
»Nein, Gabriel. Das geht nicht.«
»Aber …«
»Früher oder später wird ihn jemand vermissen. Immerhin steht auch sein Auto hier, willst du das auch verschwinden lassen? Man wird das Blut in deiner Fabrik finden und Spuren an deinem Pick-up entdecken. Und dann bist du nicht nur wegen Drogenbesitzes, sondern auch noch wegen Mordes dran. Möchtest du das?«
»Hm. So gesehen hast du recht.« Gabriel trat wütend mit dem Fußgegen die Leiche, und eine Brieftasche rutschte aus der Gesäßtasche. »Was haben wir denn da?«, fragte er und griff nach dem Portemonnaie.
»Fass das nicht an«, warnte Molly. »Wenn die Polizei deine Fingerabdrücke darauf findet, kannst du gleich ein Geständnis unterschreiben.« Sie sah sich suchend um. »Hast du vielleicht irgendwo Handschuhe?«
»Ja, die habe ich. Warte einen Augenblick.«
Er öffnete die breite Holztür auf der gegenüberliegenden Wandseite. Molly folgte ihm in den dämmrigen Lagerraum, den sie schon von draußen gesehen hatte. Es roch durchdringend nach Rosmarin.
»Hier trocknest du die Pflanzen?«
»In erster Linie ist es ein Zwischenlager, in dem ich die Ernte sammle, bis es sich lohnt, die Destillieranlage anzuwerfen.«
»Du meinst, die Cannabisernte«, stellte Molly fest.
»Ja, die auch.«
»Wo hast du sie?« Neugierig sah sie sich in dem langen Raum um. Auf den langen Stoffbahnen konnte sie nur Rosmarinzweige ausmachen.
»Gut versteckt«, erwiderte er und zwinkerte ihr zu.
»Ein geheimer Raum?« Molly drehte sich einmal im Kreis, aber hier war nichts.
»Viel einfacher«, erwiderte Gabriel und schritt ein Stück den Gang zwischen den Regalen aus Tuch entlang. »Hier«, sagte er und hob ein Büschel Rosmarin an. »Und hier, und hier auch.« Unter den stacheligen Zweigen lag das Tuch doppelt, und in der Falte befanden sich faustgroße grüne Blattknäuel; sie sahen aus wie mit Zuckerguss überzogen. »Hier ist das Gras. Zwischen all dem Rosmarin findet das niemand, der nicht genau danach sucht.«
Er ging zurück zum Eingang. In der Ecke stand ein Holzregal mit gefalteten sauberen Tüchern, daneben ein Spülbecken auf einem Untergestell aus losen Brettern. Eine Wäscheleine war quer von einer Wand zur anderen gespannt. Gabriel nahm ein Paar weißer Baumwollhandschuhe ab. »Die benutze ich zum Pflücken der Knospen, damit ich das Harz nicht an den Fingern kleben habe.«
 
Molly streifte die Handschuhe über und kehrte in den Werkraum zurück. Mit spitzen Fingern nahm sie die Brieftasche des Killers und schlug sie auf.
»Hier ist ein Ausweis«, sagte sie. »Der Mann heißt Joseph Burian. Kennst du ihn?«
Gabriel war ihr gefolgt und sah ihr über die Schulter. »Nein, nie gehört. Schau, hier steht, er ist Rumäne.«
Molly zog scharf die Luft zwischen den Zähnen ein.
»Was ist los?«
»Das sind jetzt aber zu viele Rumänen, als dass das Ganze noch ein Zufall sein könnte.«
»Wieso, was meinst du?«
»Erinnerst du dich an die Schießerei am Ballermann, am Samstag? Da ist neben Cuios Onkel auch ein Rumäne getötet worden.«
»Ja, stimmt.« Gabriel nickte.
»Und Matteas Großmutter erzählte, dass Mattea sich mit vier Männern treffen wollte.« Molly runzelte die Stirn und versuchte, sich ihre Worte ins Gedächtnis zu rufen. »Sie sagte ›Romania‹. Ich habe nicht gleich geschaltet, weil ich zunächst dachte, sie meinte Männer ihres Volkes, Roma. Aber in Wirklichkeit sprach sie von Rumänen.«
Sie sah Gabriel fragend an. »Was wollte er überhaupt von dir?«
Gabriel verzog schmerzvoll das Gesicht. »Mattea hat ihnen offenbar verraten, dass ich Haschischöl herstelle. Er wollte meine Vorräte und die Rezeptur für das Öl haben.«
Molly schüttelte den Kopf. »Mattea? Das kann ich mir kaum vorstellen.«
»Woher sollten die denn sonst von meiner Drachenöl-Herstellung wissen.« Er sah sie finster an. »Ich mache ja nicht gerade öffentlich Werbung dafür. Wo ist sie überhaupt? Habt ihr sie gefunden?«

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