App to Date, Auszug aus »Montag«

MONTAG

Jakob sah auf die Uhr, es war Viertel nach zwölf. Sie hatten sich für zwölf im Ex Libris verabredet, der Cafeteria der Universitätsbibliothek. Seine Finger trommelten auf der Tischplatte. Er bemerkte es erst am Geräusch und griff schnell nach der Tasse, die vor ihm stand. Der Kaffee war kalt geworden, weil er ihn nicht trinken wollte, solange Jenny noch nicht da war. Er nahm nun doch einen Schluck und verzog angewidert das Gesicht.
Er saß so, dass er die Eingangstür im Auge behalten konnte. Endlich sah er etwas Rotes im trüben Grau dort draußen auftauchen. Die Tür ging auf und wehte Jenny herein. Sie hatte die Kapuze zurückgeschlagen, das Haar ringelte sich feucht um ihre Stirn, und sie sah sich suchend um. Kurz meldete sich sein schlechtes Gewissen, weil er noch immer ihre Mütze hatte, doch als Jenny auf ihn zukam, war nichts Anderes mehr wichtig.
»Bitte entschuldige die Verspätung«, begann Jenny. »Wir hatten Teambesprechung, und ich …«
Er verschloss ihren Mund mit einem Kuss. Einen Moment lang versteifte sie sich in seinen Armen, doch dann entspannte sie sich und ihre Lippen wurden weich.
»Du schmeckst nass«, stellte er fest.
»Es regnet«, erklärte sie überflüssigerweise.
»Hast du schon etwas gegessen?«
Sie schüttelte den Kopf, und er fühlte den feinen Sprühregen ihrer nassen Haare im Gesicht.
»Ich hole mir schnell ein Sandwich«, sagte sie, während sie sich aus ihrem Parka schälte. »Ich bin gleich wieder da.«
Jakob setzte sich und schaute ihr hinterher. Sie sah auch von hinten umwerfend aus, aber trotzdem wünschte er sich, sie wäre schon zurück.
Kurze Zeit später kam sie wieder, in der einen Hand einen Teller mit einem Vollkornbrötchen, in der anderen eine Flasche Wasser, auf der ein umgedrehtes Glas hing. Zwei Schritte hinter ihr ging ein sehr großer Mann mit den Schultern eines Bodybuilders und kurz geschorenem blondem Haar. Jenny stellte ihren Teller und die Flasche auf dem Tisch ab, da packte er ihren Arm und riss sie zu sich herum.
»Hab ich dich!« Die Stimme war irritierend hoch für einen so großen Mann.
Jenny schrie auf und starrte den Typen erschrocken an. »Ralf, was machst du denn hier?«
Jakob wollte aufspringen und ihr zu Hilfe kommen, aber offenbar kannte Jenny den Typen. Erleichtert entspannte er sich und sah sie fragend an.
»Warum hast du dich nicht mehr gemeldet?« Der Bursche sah Jenny herausfordernd an. »Du hast doch versprochen, wir sehen uns wieder!«
»Ich …« Jenny sah kurz zu Jakob und hob die Schultern. »Ich hatte die App gar nicht an.«
»Das habe ich bemerkt.«
Ohne zu fragen, ließ sich der Mann auf den Stuhl neben Jakob plumpsen und stützte die Ellbogen auf die Tischplatte. Jenny starrte ihn einen Augenblick lang an, dann setzte sie sich ihm gegenüber.
»War gar nicht so leicht, dich zu finden.« Der Typ – Ralf? – grinste selbstgefällig. »Ich wusste ja nicht viel von dir. Nur dass du in einer Apotheke arbeitest, und dass du Rosalie heißt.«
Jakob fuhr herum. »Jenny, was meint er damit?«
Sie sah ihn erschrocken an, das schlechte Gewissen stand ihr ins Gesicht geschrieben. »Ich kann dir das erklären.«
»Ich habe das Foto von uns beiden in jeder Apotheke herumgezeigt, an der ich vorbeigekommen bin«, fuhr der Typ fort. Er lachte hämisch. »Einer hat dich erkannt. Von wegen, du arbeitest da. Aber immerhin hat er gewusst, dass du an der Uni bist.«
Jenny zog hörbar die Luft ein. Sie war knallrot geworden, und offenbar hatte es ihr völlig die Sprache verschlagen. Was wollte der Bursche von ihr?
»Du hast wohl geglaubt, du kannst mir so leicht entkommen«, krähte er und griff nach ihrer Hand. »Aber du bist mein Mädchen, Rosalie, und ich lass dich nicht einfach gehen.«
»Ralf, ich bin nicht dein Mädchen.« Jenny entzog ihm ihre Hand und legte sie demonstrativ auf Jakobs Arm. »Wir hatten nur ein Date, sonst nichts.«
Sie sah Jakob flehentlich an und schüttelte unmerklich den Kopf. »Ich erkläre es dir später«, murmelte sie.
»Jenny? Rosalie? Was ist denn nun dein Name?« Der Kerl schien zwar nicht der Hellste zu sein, aber das hatte er mitbekommen.
»Ich heiße Jennifer Rosalie«, antwortete Jenny. »Leute, die mich von früher kennen, nennen mich Jenny. Aber mir gefällt Rosalie besser.« Ihre Stimme klang jetzt kühl und geschäftsmäßig, sie log auffallend routiniert.
Der Hüne nahm es ihr ab. »Na gut«, sagte er. »Trotzdem bist du mir noch ein Date schuldig.«
»Ja, das stimmt«, erwiderte Jenny und schlug die Augen nieder.
»Heute Abend um sieben«, bestimmte der Mann. »In der Pizzeria vom letzten Mal. Und wehe dir, wenn du nicht kommst. Ich weiß ja jetzt, wo ich dich finde.«
Zu Jakobs Verblüffung nickte Jenny. Ungläubig schaute er sie an, fühlte nur grenzenlose Enttäuschung. Er schüttelte ihre Hand ab und versuchte vergeblich, in Worte zu fassen, was er empfand. Doch außer einem geflüsterten »Jenny, nein!« brachte er nichts heraus.
Der Mann schob den Stuhl zurück, beugte sich über den Tisch und legte den Arm um ihren Nacken. Sie wich vor ihm zurück und versuchte, ihm auszuweichen, trotzdem schaffte er es, ihr einen Kuss auf die Wange zu drücken. Sie schnitteine Grimasse und rieb sich mit dem Ärmel über die Wange, während Ralf sich abwandte und das Café verließ.
»Was wollte der von dir?«, wollte Jakob wissen. »Und warum nennt er dich Rosalie?«
»Ich hätte es dir gleich sagen sollen.« Jenny sah ihn um Verzeihung heischend an. »Es ist die App, App2Date. Mit der wir uns kennengelernt haben.«
»Was ist damit?«
»Du weißt sicher, dass die App von Psychologen hier an der Uni entwickelt wurde.«
Jakob nickte, obwohl er das nicht gewusst hatte.
»Na ja, und …« Jenny räusperte sich. »Bei meiner Masterarbeit geht es um die Auswertung von Daten, auf denen die App basiert.«
»Und was hat das mit diesem Typen zu tun?«
Das Rot in Jennys Wangen vertiefte sich wieder. »Zu meinen Aufgaben gehört es, die App mit unterschiedlichen Profilen zu testen. Dazu muss ich natürlich auch Probanden daten.« Sie schaute ihm nicht in die Augen, als sie das sagte.
»Und dieser Mann ist einer dieser Probanden?« Er sprang auf. Fort waren all die zärtlichen Gefühle, die er vorhin noch gehabt hatte. »Soll das heißen, ich war auch nur ein Proband, und das Rote Eichhörnchen ist nur ein Fake?«
Jenny stand ebenfalls auf und sah ihm direkt in die Augen. »Nein, Jakob, so ist es nicht. Das Rote Eichhörnchen war mein eigenes, mein privates Profil!«
»Und wieso bist du dann am Sonntag plötzlich verschwunden?« Er riss sein Handy aus der Tasche und hielt es ihr vors Gesicht. »Wenn das wahr wäre«, er deutete auf die Kartendarstellung der App, »dann müsste das Rote Eichhörnchen genau hier und jetzt zu sehen sein!«
»Ich habe mein Profil gelöscht«, entgegnete Jenny leise.
»Ich habe schon verstanden, du wolltest auch mich nicht mehr treffen.« Die Wut kochte in ihm hoch und verschlug ihm den Atem. Er schluckte schwer. »Offenbar ist das ja deine Methode, mit Probanden umzugehen!«
Jenny schüttelte den Kopf, in ihren Augen glitzerten Tränen. Aber das brachte Jakob nur noch mehr in Rage.
»Es geht dir überhaupt nicht um mich oder um eine Beziehung, stimmt’s?«, stieß er hervor. »Du willst nur an deine komischen Daten kommen, und dazu ist dir jedes Mittel recht!«
»Jakob, das ist nicht wahr!«
»Mach nur weiter so!« Seine Stimme kippte, die anderen schauten schon herüber, aber das war ihm egal. »Wenn du unsere Treffen fertig analysiert hast, kannst du dir bestimmt ein Profil erstellen, mit dem du einen Mann findest, der noch besser zu dir passt.«
»Jakob!« Jenny streckte bittend die Hand nach ihm aus.
Er ignorierte sie, zog den Kopf zwischen den Schultern ein und stürzte zur Tür. Nur raus hier, raus in den Regen, wo niemand seine Tränen sah. Mit der Hand in der Tasche zerknüllte er ihre Mütze.

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